Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit

EIN WIDERSPRUCH ODER "NUR" EINE FRAGE DER BALANCE?

Die Hotellerie steht unter massivem Druck. Steigende Energie- und Personalkosten, hohe Zinslasten, Investitionsstaus und eine wachsende Zahl an Hotelinsolvenzen prägen die aktuelle Branchenrealität. In dieser Situation erscheint Nachhaltigkeit für viele Betriebe wie ein zusätzlicher Luxus – gut gemeint, aber wirtschaftlich kaum darstellbar.

Gleichzeitig wird immer deutlicher: Gerade in Zeiten knapper Margen und hoher Unsicherheit ist nachhaltiges Wirtschaften kein Nice-to-have mehr, sondern ein strategischer Faktor für Stabilität, Resilienz und Zukunftsfähigkeit. Denn wer Ressourcen effizient nutzt, Abhängigkeiten reduziert und Prozesse bewusst steuert, stärkt nicht nur ökologische und soziale Aspekte, sondern auch die eigene wirtschaftliche Basis.

Dieser Artikel zeigt auf, wie Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit in der Praxis zusammengebracht werden können – ohne Schönfärberei und ohne unrealistische Idealbilder. Dabei wird deutlich, dass Eigentums- und Pachtimmobilien unterschiedliche Voraussetzungen und Handlungsspielräume mit sich bringen. Ziel ist es, Orientierung zu geben, Mut zu machen und aufzuzeigen, wie nachhaltige Entwicklung auch unter herausfordernden Rahmenbedingungen Schritt für Schritt gelingen kann.

Der Anfang zählt
Ein nachhaltiges Konzept braucht vor allem eins: einen Startpunkt. Ohne klare Einkaufsrichtlinien und verbindliche Nachhaltigkeitsstandards bleibt das Thema oft eine lose Idee ohne Struktur. Zudem muss es fest im Budget verankert werden. Der erste Schritt ist daher, überhaupt festzuhalten, was Nachhaltigkeit in der jeweiligen Organisation bedeutet und welche Prioritäten gesetzt werden sollen. Es geht nicht darum, von heute auf morgen perfekt zu sein, sondern eine Basis zu schaffen, die nach und nach ausgebaut werden kann. Dabei ist es essenziell faktenbasiert und mit belastbaren Aussagen zur arbeiten, denn: Was du nicht misst, kannst du nicht managen.

Primärkosten als Stolperstein
Ein häufiger Fehler in der Praxis ist der Fokus auf die primären Kosten – der Preis eines Produkts oder einer Dienstleistung wird zum ausschlaggebenden Faktor. Das große Ganze gerät ins Hintertreffen. Eine nachhaltige Perspektive erfordert, über den Tellerrand hinauszuschauen und die Lebenszykluskosten einzubeziehen: Wie langlebig ist ein Produkt? Wie viel Energie oder Wasser spart es ein? Kann es recycelt oder weiterverwendet werden? Energiesparende Geräte, Abfallvermeidung und optimierte Prozesse zeigen oft erst nach Monaten oder Jahren ihre volle Wirkung.

Unterschiede zwischen Eigentums- und Pachtimmobilien
Der Unterschied zwischen Eigentums- und Pachtimmobilien ist wesentlich, wenn es um nachhaltige Investitionen geht. Während Eigentümer langfristig denken können, müssen Pächter oft kurzfristige Erfolge vorweisen.

Beispiel für Eigentumsimmobilien
Ein Beispiel für eine (je nach Standortvoraussetzungen) sinnvolle Anschaffung in einer Eigentumsimmobilie ist die Installation einer Photovoltaikanlage. Obwohl die Anfangsinvestitionen hoch sind, bringen sie langfristige Energieeinsparungen und tragen erheblich zur Nachhaltigkeit bei. Hier sind die Primärkosten oft ein Stolperstein, aber durch das Aufzeigen langfristiger Einsparungen und der Wertsteigerung der Immobilie können Eigentümer überzeugt werden.

Ein weiteres Beispiel ist die Installation einer Hackschnitzelheizung. Diese Art von Heizung nutzt nachwachsende Rohstoffe und bietet insbesondere in ländlichen Gebieten eine nachhaltige und kosteneffiziente Lösung für die Wärmeversorgung. Die Anfangsinvestition ist auch hier hoch, aber die laufenden Kosten sind gering, und die regionale Verfügbarkeit von Hackschnitzeln sorgt für eine stabile Energieversorgung.

Beide Beispiele, die Photovoltaikanlage und die Hackschnitzelheizung, können sowohl für Stadthotels als auch für eigentümergeführte Häuser auf dem Land sinnvoll sein. Für Stadthotels eignen sich zudem Maßnahmen wie die Nutzung von Fernwärme oder die Installation von Gründächern, die zur Wärmeisolierung beitragen und gleichzeitig die Biodiversität fördern. In ländlichen Gebieten könnten eigene Wasseraufbereitungsanlagen oder Geothermie-Systeme weitere nachhaltige Optionen darstellen.

Beispiel für Pachtimmobilien
Für Pachtimmobilien eignen sich kleinere Investitionen wie energiesparende Geräte, zum Beispiel LED-Beleuchtung oder wassersparende Armaturen. Diese Maßnahmen haben niedrigere Primärkosten und amortisieren sich schnell. Für Pächter zählen vor allem kurzfristige Kosteneinsparungen und die einfache Umsetzung.

Weitere umsetzbare Beispiele für Pächter sind:

  • Installationen von Bewegungsmeldern in Gängen und Gemeinschaftsräumen, um den Stromverbrauch zu senken.
  • Nutzung von Smart-Thermostaten, die eine effiziente Steuerung der Heizung und Kühlung ermöglichen und den Energieverbrauch weiter reduzieren.
  • Installation von wassersparenden Duschköpfen und Toilettenspülungen zur Reduzierung des Wasserverbrauchs.
  • Einrichtung von Fahrradverleihstationen für Gäste, um den Verkehr zu entlasten und einen umweltfreundlichen Mobilitätsservice anzubieten.

Beispiele für Hürden in der Realität und Lösungsansätze

Fehlende finanzielle Mittel
Hürde: Oft stehen die benötigten Mittel für nachhaltige Investitionen nicht zur Verfügung. 
Vorschlag: Prüfen Sie Fördermöglichkeiten, staatliche Subventionen und alternative Finanzierungsmodelle wie Crowdfunding oder Leasing.

Faktenbasierte Entscheidungen treffen
Hürde: Eigentümer/Verpächter sind nicht bereit, bzw. die Einsicht fehlt, hohe Anschaffungskosten zu tragen.
Vorschlag: Eine Wesentlichkeitsanalyse stellt sicher, dass man sich zunächst auf die wichtigen Stellschrauben im Unternehmen konzentriert und man nicht in blinden Aktionismus verfällt. Zeigen Sie das Einsparpotenzial und die langfristige Kosteneffizienz auf, untermauert durch Zahlen und Fallstudien.

Informationsflut und Unsicherheit
Hürde: Die hohe und zudem oftmals widersprüchliche Medienpräsenz führt zu Verdrossenheit, Verwirrung und Vertrauensverlust.
Vorschlag: Hinterfragen Sie die Informationen kritisch, konsultieren Sie Experten wie zum Beispiel die HSMA-Fachkreise und nutzen Sie vertrauenswürdige Quellen. Suchen Sie den Austausch und die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten. Vernetzen Sie sich.

Dynamik und Wandel: Schritt halten mit den Veränderungen
Hürde: Die rasante Entwicklung in der Nachhaltigkeit kann heute sinnvolle Lösungen morgen überholt wirken lassen.
Vorschlag: Beginnen Sie mit kleinen, planbaren und messbaren Schritten und gehen Sie einen nach dem anderen. Überschwemmen Sie sich nicht mit Projekten, konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche (Stichwort Wesentlichkeitsanalyse). Orientieren Sie sich für die Zielsetzung an der SMART-Methode und überprüfen Sie die Maßnahmen kontinuierlich. Erfinden Sie nicht das Rad neu, beim Thema Nachhaltigkeit ist das Kopieren erfolgreicher Praxisbeispiele ausnahmslos erwünscht und nebenbei eine wirtschaftlich attraktive Methode.

Soziale Nachhaltigkeit und emotionaler Mehrwert
Nicht alle nachhaltigen Maßnahmen führen zu direkten Einsparungen oder Effizienzsteigerungen. Besonders im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit geht es oft um den emotionalen Mehrwert, wie das Wohlbefinden der Mitarbeiter und Gäste sowie die Stärkung der Unternehmenswerte. Diese Maßnahmen können mitunter querfinanziert werden durch Projekte, die wirtschaftliche Vorteile bringen. Beispielsweise unterstützt das Seehotel Wiesler im Rahmen der WIN-Charta jedes Jahr das inklusive Kinderferiencamp „Wurzelgnome“ mit Spenden und Lebensmitteln. Dort lernen Kinder mit und ohne Behinderung, gemeinsam am Feuer zu kochen und frische Lebensmittel zuzubereiten. Das Projekt bringt dem Hotel keinen wirtschaftlichen Nutzen, hat aber große Bedeutung für die soziale Verantwortung – und für regionale Partner, die diesen Einsatz wahrnehmen und wertschätzen.

Ökologie vs. Wirtschaftlichkeit
Manche Maßnahmen, wie beispielsweise eine Kompostieranlage, bringen keine direkten Kosteneinsparungen, aber sie bieten erhebliche ökologische Vorteile. Hier gilt es abzuwägen, ob man zugunsten der Umwelt investiert, auch wenn dies keine unmittelbare Wirtschaftlichkeitssteigerung bedeutet.

Nachhaltigkeit im Hotelbetrieb ist kein starres Maßnahmenpaket und schon gar kein Selbstzweck. Sie beginnt mit einer realistischen Einordnung der eigenen Situation, dem Verständnis für wirtschaftliche Zwänge und der Bereitschaft, Prioritäten klar zu setzen.

Gerade die Unterschiede zwischen Eigentums- und Pachtimmobilien zeigen, dass es keine universelle Lösung gibt – wohl aber viele individuelle Wege. Entscheidend ist, Nachhaltigkeit nicht als zusätzliche Belastung zu begreifen, sondern als strukturierenden Rahmen, der hilft, Kosten, Ressourcen und Entscheidungen bewusster zu steuern.

Im zweiten Teil dieses Beitrags wird es konkret: Anhand praxisnaher Beispiele aus Einkauf, Organisation, Küche, Housekeeping und Verwaltung wird aufgezeigt, wie Hotels mit überschaubarem Aufwand starten können – oft ohne große Investitionen, aber mit messbarem wirtschaftlichem Effekt.

Autoren: Sarah Rochol & Anna Wiesler

Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit
  • 10.02.2026

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