Robotik in der Hotellerie – Unterstützung oder Systemveränderung?
Sebastian: In der Hotellerie wird viel über Robotik gesprochen, aber oft wirkt es wie ein Zukunftsthema. Ist das in der Praxis wirklich schon relevant?
Niklas: Es ist längst Realität – nur wird es häufig noch falsch eingeordnet. Robotik ist kein Showelement und auch kein Ersatz für Gastfreundschaft. Sie ist in erster Linie ein Produktivitätsinstrument. In einer Branche, die mit steigenden Personalkosten, hoher körperlicher Belastung und einem strukturellen Fachkräftemangel konfrontiert ist, stellt sich nicht mehr die Frage, ob wir automatisieren, sondern wie gezielt wir es tun.
Wir setzen Robotik heute konkret in der Reinigung ein, im Restaurant für den Geschirrtransport und vereinzelt auch als Servierunterstützung. Entscheidend ist dabei nicht die Technik selbst, sondern die Wirkung im Alltag. Und die ist spürbar.
Sebastian: Bleiben wir zunächst bei der Reinigung. Wo liegt dort der Mehrwert?
Niklas: In der Entlastung. Reinigungsroboter übernehmen bei uns vor allem standardisierte Flächen wie Flure, Lobbybereiche oder große Restaurantzonen. Das sind Tätigkeiten, die körperlich anspruchsvoll sind, sich täglich wiederholen und wenig Spielraum für Individualität bieten. Wenn diese Basisarbeit zuverlässig automatisiert wird, verschiebt sich der Fokus der Mitarbeitenden. Sie können sich stärker auf Detailreinigung, Qualitätskontrolle und Gästebereiche konzentrieren.
Das verändert die Arbeit nicht fundamental – aber es verändert ihre Qualität. Und das wird im Team durchaus positiv wahrgenommen, weil es reale Entlastung schafft.
Sebastian: Im Restaurant lebt der Service von Persönlichkeit. Ist dort der Einsatz von Robotern nicht kritisch?
Niklas: Das wäre er, wenn wir Roboter als Ersatz für den Service einsetzen würden. Das tun wir bewusst nicht. Die Roboter übernehmen bei uns vor allem Laufwege – beispielsweise den Transport von Geschirr oder Speisen zwischen Küche und Servicefläche. Gerade in größeren Häusern mit langen Wegen summiert sich das erheblich.
Wenn diese Wege reduziert werden, entsteht kein Distanzverlust zum Gast, sondern im Gegenteil mehr Präsenz. Die Servicekräfte sind häufiger am Tisch, beraten intensiver und können sich stärker auf den Gast konzentrieren. Robotik wird damit nicht zum Konkurrenzmodell, sondern zum Unterstützungsinstrument.
Sebastian: Wie reagieren die Mitarbeitenden darauf? Besteht nicht die Sorge, ersetzt zu werden?
Niklas: Diese Sorge existiert anfangs fast immer – und sie ist nachvollziehbar. Entscheidend ist die Einführung. Wir haben sehr transparent kommuniziert, dass es um Entlastung und Stabilisierung geht, nicht um Stellenabbau. In einem Umfeld, in dem Krankenquoten hoch und Belastungen spürbar sind, wird Unterstützung schnell akzeptiert, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird.
Interessanterweise entwickeln Teams oft eine gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang mit den Robotern. Sie werden nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als Werkzeug. Und genau das sollten sie auch sein.
Sebastian: Rechnet sich das wirtschaftlich?
Niklas: Robotik darf man nicht isoliert betrachten. Sie rechnet sich nicht allein über eine klassische Personalersparnis, sondern über Prozessstabilität, geringere Überlastung, bessere Planbarkeit und eine langfristige Sicherung der Personalkostenquote. Wenn man sie strategisch einbettet – und das tun wir bewusst im Rahmen unserer Produktivitätsagenda – entsteht ein struktureller Effekt.
Wichtig ist allerdings, dass Prozesse angepasst werden. Ein Roboter ohne durchdachte Integration ist ein teures Gadget. Mit klarer Prozessstruktur wird er zum Hebel.
Sebastian: Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen?
Niklas: Überall dort, wo es um emotionale Interaktion geht. Gastfreundschaft ist und bleibt menschlich. Komplexe Beratungssituationen, Konfliktlösung oder individuelle Betreuung lassen sich nicht automatisieren. Robotik funktioniert am besten in standardisierten, wiederkehrenden Abläufen mit klaren räumlichen Strukturen. In sehr kleinen oder stark individualisierten Betrieben ist der Effekt deutlich geringer.
Sebastian: Welche Bedeutung hat das Thema für die Branche insgesamt?
Niklas: Ich glaube, Robotik wird weniger als Innovationssymbol relevant sein, sondern als Strukturinstrument. Sie zwingt uns, Prozesse sauber zu definieren und Arbeit neu zu denken. Das verändert Rollenbilder. Mitarbeitende werden weniger „Läufer“ und stärker Gastgeber. Gleichzeitig bleibt die Wirtschaftlichkeit der Betriebe stabiler.
Die Branche steht unter massivem Kostendruck. Ohne Produktivitätssteigerung wird es langfristig schwierig. Robotik ist nicht die alleinige Lösung – aber sie ist ein Baustein, den wir ernsthaft prüfen müssen.
Sebastian: Was sollte ein Branchenverband aus Ihrer Sicht tun?
Niklas: Vor allem Orientierung geben. Viele Betriebe sind unsicher, ob Robotik sinnvoll ist oder nur ein Trend. Best-Practice-Beispiele, Erfahrungsberichte und eine realistische wirtschaftliche Einordnung helfen mehr als Visionen. Zudem sollte man das Thema arbeitsrechtlich und fördertechnisch begleiten. Die Technologie ist da – entscheidend ist, wie wir sie verantwortungsvoll einsetzen.
Und ganz grundsätzlich glaube ich, dass wir die Perspektive drehen müssen: Es geht nicht mehr darum, ob wir uns Robotik leisten wollen – sondern ob wir es uns noch leisten können, sie nicht einzusetzen. Die strukturellen Herausforderungen der Branche werden bleiben, und ohne gezielte Produktivitätshebel werden viele Betriebe langfristig an ihre Grenzen stoßen.
Dieses Interview hat Sebastian Lindner, Head of Commerce bei den LyvInn Hotels & Vorsitzender des HSMA Expertenkreises Technology mit Niklas Griffin, Senior Regional Director bei aja & Urban Nature & Mitglied im HSMA Expertenkreis Technology geführt.
Robotik in der Hotellerie – Unterstützung oder Systemveränderung?
- 12.07.2026