Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit | Teil 2
EIN WIDERSPRUCH ODER "NUR" EINE FRAGE DER BALANCE?
Im ersten Teil dieses Beitrags wurde deutlich, dass nachhaltiges Wirtschaften in der Hotellerie kein Widerspruch zur Wirtschaftlichkeit ist – sondern vielmehr eine Frage der Perspektive, der Priorisierung und der strukturellen Rahmenbedingungen. Insbesondere die Unterschiede zwischen Eigentums- und Pachtimmobilien sowie typische Hürden wie Budgetrestriktionen, Informationsflut oder kurzfristiger Erfolgsdruck prägen die Umsetzung in der Praxis.
Doch Nachhaltigkeit bleibt Theorie, wenn sie nicht in den operativen Alltag übersetzt wird. Der zweite Teil setzt genau hier an: Er zeigt konkrete, praxiserprobte Maßnahmen, mit denen Hotels Schritt für Schritt beginnen können – oft mit sofortigem Nutzen für Kostenstruktur, Prozesseffizienz und Mitarbeitenden Bewusstsein.
Praxisorientierte Lösungsansätze
Die folgenden Maßnahmen zeigen auf, wie Hotels mit kleinen Schritten beginnen und gleichzeitig den wirtschaftlichen Nutzen steigern können – oft ohne große Investitionen.
1. Einkauf & Beschaffung
Gemeinsame Abnahmemengen organisieren
Schließen sich mehrere Hotels lokal zusammen, entstehen größere Abnahmemengen für ökologisch sinnvolle Produkte. Lieferanten erhalten Planungssicherheit, können die Produktion anpassen und bieten oft bessere Konditionen. Außerdem reduzieren zentrale Liefertage Transportwege und Emissionen.
Regionale Produzenten zur Bio-Zertifizierung befähigen
Viele kleine Bauern können sich eine Bio-Zertifizierung nicht leisten. Hotels können gemeinsam Abnahmegarantien anbieten und so den Schritt zur Zertifizierung ermöglichen. Das schafft regionale Wertschöpfung, kürzere Lieferwege und langfristig stabile Preise – ein Gewinn für Umwelt, Produzenten und Betriebe.
2. Mitarbeiterschulungen & Bewusstseinsarbeit
Verbrauchsreduktion durch Wissen und Gewohnheiten
Nachhaltigkeit beginnt bei den täglichen Routinen. Schulungen für Mitarbeitende zu Wasser-, Energie- und Materialverbrauch haben enorme Wirkung – ohne Investitionskosten. Das Potenzial ist groß: Viele Einsparungen entstehen durch bewusstes Handeln, nicht durch neue Technik.
Transparente Gäste-Kommunikation
Gäste können nicht geschult werden, aber informiert: Aufsteller, Bildschirme, Tablets oder digitale Infosysteme können auf freiwillige, einfache Beiträge aufmerksam machen – ohne erhobenen Zeigefinger.
Team-Challenges mit messbaren Ergebnissen
Kleine interne Wettbewerbe („Wasser-Woche“, „Papier-Spar-Challenge“) mit konkreten Zielen schaffen Motivation, machen Erfolge sichtbar und bringen das Thema spielerisch in die Teams. Wichtig: Erfolge und Misserfolge transparent teilen – nur dann bleibt der Effekt nachhaltig.
3. Verwaltung & digitale Prozesse
E-Mails aufräumen – kleine Maßnahme, große Wirkung
Digitale Daten verursachen realen Energieverbrauch. 1.000 nicht gelöschte E-Mails im Papierkorb belegen durchschnittlich ca. 0,5 GB Speicherplatz – das entspricht einem jährlichen CO₂-Ausstoß von rund 4–5 kg, abhängig vom Rechenzentrum. Regelmäßiges Löschen reduziert Speicherbedarf, Energieverbrauch und Kosten.
Druckverhalten prüfen und Papier einsparen
Recyclingpapier dort einsetzen, wo es qualitativ möglich ist, beidseitig drucken und interne Ausdrucke kritisch hinterfragen. Viele Hotelformulare können digitalisiert werden (z. B. Meldeschein, Check-in-Formulare). Das spart Zeit, Material, Lagerkapazität und CO₂. In der Praxis entstehen schnell 1–3 Stunden Zeitersparnis pro Tag.
Wertstoffe trennen und richtig entsorgen
Sortenreines Trennen spart bares Geld: Wertstoffe werden günstiger oder sogar kostenneutral entsorgt, während Restmüll teuer ist. Ein klar strukturiertes System zahlt direkt auf die Kostenstruktur ein.
4. Küche & Lebensmittelmanagement
Wasser bewusst nutzen
Beim Spülen, Waschen oder Reinigen sollte Wasser nicht unnötig laufen. Auffangen von Wasser ermöglicht zusätzliche Nutzung, z. B. für Pflanzen oder Reinigung. Das klingt banal – führt aber im Jahresverlauf zu deutlichen Reduktionen.
Speiseabfälle messen und steuern
Die systematische Messung von Lebensmittelabfällen ist eine der wirksamsten Maßnahmen: Portionen anpassen, Buffets bedarfsgerecht nachfüllen und Produktion smarter planen. Weniger Abfall bedeutet geringere Kosten, mehr Effizienz und bessere Kalkulierbarkeit.
Energieeffizientes Arbeiten
Küchen verfügen über viele Wärmequellen. Geräte nur dann laufen zu lassen, wenn sie wirklich benötigt werden, verringert Energieverbrauch erheblich. Die Wärmebrücke ist ein gutes Beispiel und wärmt z. B. im Seehotel Wiesler schon lange nur noch, wenn auch wirklich Teller darunter stehen. Aber auch in selten genutzten Räumen verhindern Bewegungsmelder unnötigen Stromverbrauch.
Regelmäßige Wartung – besonders bei Kühlung
Heizungen, Lüftungen und Kühlhäuser müssen regelmäßig gewartet werden. Ein schlecht schließendes Kühlhaus kann pro Jahr mehrere tausend Euro an zusätzlichem Energieverbrauch verursachen. Frühzeitige Reparaturen sind daher hochwirtschaftlich.
5. Housekeeping
Ressourcen im Alltag bewusst einsetzen
Zu viel Reinigungsmittel oder falsches Lüften (z. B. Heizung oder Klimaanlage läuft dabei weiter) erhöhen Energie- und Wasserverbrauch. Klar definierte Standards und Schulungen können schnell spürbare Effekte erzeugen.
Erfolge sichtbar machen
Housekeeping-Teams haben enormen Einfluss auf den Ressourcenverbrauch. Sichtbare Erfolge – z. B. Wasserreduktion oder Einsparungen bei Reinigungsmitteln – stärken Motivation und zeigen direkten Nutzen.
6. Fördermittel als strategischer Hebel
Oft scheitern nachhaltige oder digitale Projekte an Budgets – obwohl zahlreiche Förderprogramme existieren, die genau dafür konzipiert sind. Viele dieser Mittel bleiben ungenutzt, weil Hotels schlicht nicht wissen, dass es sie gibt oder die Antragstellung als kompliziert empfinden.
Dabei lohnt es sich, Fördermittel systematisch in die Unternehmensentwicklung einzubinden:
- Regelmäßige Fördermittel-Checks (z. B. einmal monatlich, Verantwortlichkeiten klar definieren)
- Beobachtung relevanter Programme aus Nachhaltigkeit, Energieeffizienz, Digitalisierung oder Weiterbildung
- Nutzung von Branchen- und Verbandshinweisen
- Kosten-Nutzen-Betrachtung: Schon eine einzige Förderung kann Projektkosten massiv senken
So entstehen Spielräume für Maßnahmen, die ohne Förderung nicht möglich wären – und gleichzeitig wirtschaftlich sinnvoll sind.
Schlusswort/Fazit
Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit stehen keineswegs im Widerspruch – viele Beispiele zeigen, dass nachhaltiges Handeln oft ohne große Investitionen möglich ist. Der erste Schritt beginnt mit der Erfassung des Status quo, gefolgt von kleinen, messbaren Maßnahmen, die ohne großen Aufwand umsetzbar sind. Anschließend lassen sich diese Schritte beobachten, bewerten und anpassen.
Eine Wesentlichkeitsanalyse hilft im zweiten Schritt, Prioritäten zu setzen und größere Maßnahmen gezielt anzugehen. Ziele sollten in kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen unterteilt und regelmäßig überprüft werden. Erfolge und auch Misserfolge offen im Team zu teilen, schafft Lernmöglichkeiten und stärkt das Bewusstsein für nachhaltiges Handeln.
Nachhaltigkeit muss also nicht teuer sein – sie erfordert vor allem Planung, Wissen und die Bereitschaft, Gewohnheiten anzupassen. Schritt für Schritt zeigt sich: Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit lassen sich sehr wohl verbinden – bereits ab der ersten kleinen Veränderung. Der wichtigste Schritt ist der Erste – und dafür braucht es Mut.
Seid bereit, Euch auf Veränderungen einzulassen und aus Erfahrungen zu lernen. Eine offene Fehlerkultur und die Akzeptanz, dass nachhaltige Entwicklung kein fest definiertes Ziel, sondern ein kontinuierlicher Prozess ist, helfen dabei, resilient zu bleiben. Jede Maßnahme, sei sie noch so klein, ist ein wertvoller Beitrag auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Zukunft.
Autoren:
Sarah Rochol, Verkaufsleiterin / Head of Sales | SORAT Hotels & Vorsitzende des Expertenkreises Distribution & Mitglied im Expertenkreis Sustainability | HSMA Deutschland e.V.
Anna Wiesler, Junior Chefin | Seehotel Wiesler & 2. stellvertretende Regionaldirektorin Süd sowie Mitglied im Expertenkreis Sustainability | HSMA Deutschland e.V.
Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit | Teil 2
- 20.02.2026